Edith Erbrich an der MWS
Auschnitt aus dem Gießener Anzeiger vom 25.3.211 (Mit freundlicher Genehmigung des Gießener Anzeigers)
„Höre heute noch die Riegel der Waggons“
Edith Erbrich berichtet als Überlebende des KZ Theresienstadt Max-Weber-Schülern von ihren damaligen Erlebnissen (fod).
Wäre das Konzentrationslager Theresienstadt nicht in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1945 von der russischen Armee befreit worden, Edith Erbrich hätte niemals ihre Jugend erlebt. „Wie ich später erfuhr, sollten wir am 9. Mai vergast werden“, berichtete die 73-Jährige ihren jungen Zuhörern an der Max-Weber-Schule.
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Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen zehn bis zwölf, die sich im Rahmen des politischen Unterrichts mit den Themen Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg beschäftigen, zeigten sich sehr betroffenen von den Schilderungen der Holocaust-Überlebenden. Die meiste Zeit über herrschte eine gespenstische Stille in der Aula, als Erbrich erzählte, wie sie als kleines Mädchen - damals trug sie noch den Familiennamen Bär - früh den Hass vieler Deutscher auf die Juden spürte, den Judenstern tragen musste und als Siebenjährige die Gräuel in Theresienstadt erlebte.
Auf dem Transport dorthin am 14. Februar 1945 sei sie mit ihrem Vater und der älteren Schwester drei Tage lang mit Dutzenden anderen Menschen in einem Viehwaggon eingepfercht gewesen. „Wir mussten darin schlafen, essen und unsere Notdurft verrichten“, beschrieb die Frankfurterin die Zustände. „Ich höre heute noch die Riegel des Waggons zuschlagen.“ Ihr Vater habe sie damals hochgehalten, um durch den vergitterten Fensterspalt einen letzten Blick auf die draußen stehende und weinende Mutter, die keine Jüdin war, zu werfen. „Von den über 1600 Personen, die zu diesem Transport gehörten, sind nicht viele zurückgekehrt.“
„Sofort nach der Ankunft in Theresienstadt wurden meine Schwester und ich von unserem Vater getrennt. Alle Sachen wurden uns weggenommen und die Haare abgeschnitten“, fuhr die Frankfurterin fort. Als die damals Siebenjährige dann mit vielen anderen Frauen in einen großen Raum mit Duschen gebracht werden sollte, sei sie ohnmächtig geworden. „Als ich wieder aufwachte, befand ich mich in einem riesigen Saal. Ich begann sofort, zu weinen und zu schreien. Meine Schwester und andere Frauen versuchten mich zu beruhigen, denn sonst wäre ich auch von meiner Schwester getrennt worden.“ Doch eine Bestrafung folgte: Sie musste mit ihrer Zahnbürste den Holzboden schrubben. „Einmal die Woche durfte unser Vater uns besuchen. Ob meine Mutter noch lebte, wussten wir nicht.“ Tag für Tag wurde das Mädchen fortan Zeuge, wie man Menschen um sie herum quälte und ermordete. Darunter auch ihren Großvater, der ebenfalls in Theresienstadt verstarb, woran die Großmutter zerbrach. Bis heute begreife sie nicht, „dass die Menschen, die uns dies antaten, abends einfach wieder nach Hause zu ihren Familien gingen“, sagte Edith Erbrich zu den Schülern.
Nach der Befreiung war sie mit Vater und Schwester lange unterwegs zurück nach Frankfurt, davon einen erheblichen Teil der Strecke zu Fuß. „Als wir meine Mutter wiedertrafen, war die Freude riesengroß.“ Und ihr Bruder mittlerweile auf die Welt gekommen. Als Erinnerung geblieben sind der 73-Jährigen viele Postkarten ihres Vaters an die Mutter, die dieser während des Transports nach Theresienstadt aus dem Zug geworfen hatte. „Alle sind bei meiner Mutter angekommen“, geschickt von vielen „stillen Helfern“, wie Edith Erbrich jene Menschen nennt, die dafür ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Heute sind die Karten Bestandteil der von ihr organisierten Ausstellungen und Vorträge, so dass auch die Max-Weber-Schüler sie zu sehen bekamen. Foto: Docter




